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World Conference on Religion and Peace
Weltkonferenz der Religionen für den Frieden
 
Tagungsbericht
Neue Konzeptionen und Methoden im Religionsunterricht
Istanbul 2001
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Peace Education Standing Commission c/o Prof. (em.) Dr. Johannes Lähnemann, Lehrstuhl Evangelische Religionspädagogik der Universität Erlangen-Nürnberg
Regensburger Str. 160
DE-90478 Nürnberg
Tagungsbericht „Neue Konzeptionen und Methoden im Religionsunterricht“
Istanbul 28.-30. März 2001

Johannes Lähnemann: Religionspädagogik in der Türkei
Öffnung für interreligiöse Erziehung

„Neue Konzeptionen und Methoden im Religionsunterricht“: Unter dieser Thematik fand vom 28.-30. März 2001 ein hochrangig besetztes Symposium in Istanbul statt. Vertreterinnen und Vertreter der Religionspädagogik aus verschiedenen europäischen Ländern waren eingeladen. Aus Deutschland nahmen die Professoren Karl Ernst Nipkow, Reinhold Mokrosch, Raimund Hoenen und Johannes Lähnemann teil. Auf türkischer Seite wirkten nicht nur Dozentinnen und Dozenten mehrerer Islamisch-Theologischer Fakultäten mit, sondern auch Angehörige des Erziehungsministeriums, voran die Generaldirektorin für religiöse Angelegenheiten, Prof. Dr. Mualla Selcuk. Zur Eröffnung sprachen nicht nur der Präsident des Amtes für religiöse Angelegenheiten (Diyanet), Nuri Yilmaz, und der Erziehungsminister, Metin Bostancioglu, sondern auch ein Vertreter des Judentums und der ökumenische Patriarch Bartholomäus. Er betonte ebenso wie Prof. Mualla Selcuk die Bedeutung korrekter und authentischer Darstellung der verschiedenen Religionen im Religionsunterricht und begrüßte das von Prof. Lähnemann/Nürnberg und Prof. Klaus Hock/Rostock geleitete Forschungsprojekt „Die Darstellung des Christentums in Schulbüchern islamisch geprägter Länder“. Gerade angesichts der oft genug schwierigen Situation von Christen in der Türkei kann seine Präsenz als hoffnungsvolles Signal gewertet werden.
In den Beiträgen der Konferenz wurde ein realistisches Bild der religiös und weltanschaulich pluralen Situation gezeichnet, der sich Jugendliche in Europa gegenwärtig konfrontiert sehen. Der Zunahme derer, die sich nicht religiös verstehen und binden wollen, steht ein quasireligiöses Marktangebot gegenüber, das die Sehnsucht nach tieferer Sinngebung im Leben häufig vordergründig überdeckt.
Die Bedeutung schulischen Religions- bzw. Ethikunterrichts zur Orientierung im religiös-weltanschaulichen Bereich, zur Bearbeitung zentraler Lebensfragen und zur Reflexion ethischer Verantwortung wurde von Karl Ernst Nipkow im Gesamthorizont Europas erörtert. Hierbei wurde betont, dass die von der Türkei gewünschte Anschlussfähigkeit an die Europäischen Gemeinschaft gerade auch im RU davon abhängt, die Rolle liberaler Grundrechte zu würdigen (Religionsfreiheit). In den weiteren Ausführungen von John Hull/Birmingham und anderen wurden die Konzeptionen eines interreligiösen Unterrichts wie in England und Norwegen und der konfessi-onsbezogene Religionsunterricht in Deutschland einander kritisch gegenübergestellt, aber nicht gegeneinander ausgespielt. Hervorgehoben wurde, dass eine Grundorientierung in einer konkreten Religion/Konfession und die Öffnung für die Begegnung mit den anderen Religionen einander bedingen und ergänzen.
Sichtbar wurde, wie schwierig es ist, Religionsunterricht neu aufzubauen, wo er lange Zeit nicht in den Schulen präsent war: in den ostdeutschen Ländern ebenso wie in Osteuropa und auch in den Turk-Republiken auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion. Das atheistische Erbe ist mächtig, und die Defizite im Bereich der Lehrpläne, der Schulbücher, vor allem aber bei den Lehrern und in der Lehrerbildung können erst allmählich abgebaut werden.
Auch in der Türkei ist die islamische Religions- und Sittenkunde erst seit 1982 ordentliches Schulfach; in der Lehrerausbildung sind die Anfangsprobleme - vor allem für die Grundschule -  noch kaum bewältigt. Auch die Situation für die (nur noch sehr wenigen) christlichen Kinder ist nicht zufriedenstellend: Sie können von dem islamischen Unterricht abgemeldet werden, erhalten bisher aber (außer begrenzt am griechischen Gymnasium und den armenischen Schulen in Istanbul) kein eigenes schulisches Religionsangebot.
Umso interessanter ist die inhaltliche und methodische Öffnung, die von führenden Religionspädagoginnen und -pädagogen in der Türkei angestrebt wird: Im Unterricht sollen nicht nur traditionelle islamische Inhalte vermittelt werden, sondern Kenntnisse aller wichtigen Religionen. Lebensfragen und ethische Fragen sollen ihr eigenes Gewicht erhalten. Die Unterrichtsmethoden sollen von frontaler Belehrung zunehmend hingeführt werden zu lebendigen, kreativen Arbeitsformen. Direktbegegnung mit nichtislamischen Religionen ist bei einer zu 98 % muslimischen Bevölkerung nur in den großen Städten wie Istanbul, Ankara und Izmir möglich. Aber auch hier werden Wege einer lebendigen Darstellung gesucht. Die Beiträge der europäischen Kolleginnen und Kollegen zum Symposium werden veröffentlicht und einem breiten Adressatenkreis in türki-scher Sprache zugänglich gemacht. Die internationale und interreligiöse Zusammenarbeit in der Religionspädagogik hat hier erneut ihre Relevanz erwiesen.
 

Prof. Dr. Mualla Selcuk: Eröffnungsrede des Symposiums 'Neue methodische Ansätze in der Religionserziehung' - 28.03.01

Herzlich Willkommen!
Ich möchte Sie mit einer gemeinsamen Erklärung von Erziehern begrüßen, die die Begriffe „Religion„ und „Frieden„ nebeneinander gestellt haben und sich um den Weltfrieden bemühen.
Genauso wie den Frieden auf der Welt braucht man den Frieden zwischen den verschiedenen Religionen. Für diesen Religionsfrieden ist ein Dialog zwischen den Religionen notwendig. Allerdings muß man für diesen Dialog in den Religionen fundamentale Untersuchungen anstellen. Für all dies ist jedoch eine Erhöhung der Bemühungen im Bereich der Ausbildung und Erziehung erforderlich. (No peace, no dialogue, no fundamental reflections without the necessary educational efforts.)
Wir haben ein internationales Symposium mit dem Titel „Neue methodische Ansätze in der religiösen Erziehung“ aus folgenden Gründen organisiert:
1. Wir wollen die einende, Zufriedenheit vermittelnde und friedenssichernde Kraft der Religion zu Tage treten lassen.
2. Wir wollen Methoden entwickeln, die dazu dienen, die denkenden, fragenden und ihren Glauben hinterfragenden Schüler zu erziehen.
3. Wir halten nicht den Formalismus und Schlagworte für wichtig, sondern die Philosophie der moralischen Lehren.
4. Wir arbeiten daran, den Terminologiestreit und die terminologischen Ungenauigkeiten in der Religionserziehung zu beheben.
5. Wir akzeptieren in der Religionserziehung das Prinzip „Lese, denke und verstehe!„
Wenn wir die religiöse Reife als eine Art Wissen in der Erziehung thematisieren, ist es nötig, die Besonderheit und Substanz dieses Wissens genau zu definieren. Obwohl die Religionserziehung eine Wissensvermittlung darstellt, muß man sie als einen Prozeß verstehen, in dem die Wege der Wissensaufnahme des Menschen, sein Verstand und seine Fähigkeit, Gefühle auszudrücken, entwickelt werden. Denn wenn wir die Wege für die Erlangung von geistigen und emotionalen Gewohnheiten sowie unser Verständnis für das Gelehrte und den Lernenden verändern, verändern sich auch unsere Ziele in der Religionserziehung und somit auch unsere Methoden.
Auf welchen Weg wird die Religionserziehung dies erreichen?
Durch das Auswendiglernen von religiösem Wissen?
Durch die Einprägung von katechistischem Wissen?
Durch eigene Untersuchungen?
Durch Fragen?
Dies ist ein methodisches Problem!
Das Ziel dieses Symposiums ist es auch, Betrachtungsweisen zu definieren, die dem psychologischen Lernalter der Schüler entsprechen. Diese Betrachtungsweisen sind jedoch nicht nur an die Entwicklungsstufen gebunden, sondern sicherlich auch an das soziokulturell gebundene Religionsverständnis.
Wir begegnen einem sehr reichen Begriffsgeflecht, wenn wir auf die Vorträge der kommenden drei Tage blicken:
- Prinzipien der interreligiösen Erziehung
- Religiöse Erziehung der Kinder
- Philosophie und Religion
- Fragen in der Religionserziehung
- Verschiedenartigkeit in der Religionserziehung
- Menschliche Entwicklung in der Religionserziehung
- Persönliche Entwicklung in der Religionserziehung
- IQ (intellektuelle Intelligenz)
- EQ (emotionale Intelligenz)
- SQ (soziale Intelligenz)
- Menschliche Beziehungen
- Toleranz, Liebe, Achtung.
Ich wünsche mir, daß in den Sitzungen und Diskussionsrunden der nächsten drei Tage folgende Fragen beantwortet werden:
1. Was für eine Kommunikation oder was für einen Kommunikationsaustausch kann der Mensch von heute mit religiösen Texten verwirklichen?
2. Wie müssen wir mit unsrem heutigen Bewußtsein religiöse Ereignisse betrachten?
3. Wie können wir Methoden entwickeln, die gewährleisten, daß wir eine Brücke zwischen unserer Vergangenheit (unserer Geschichte) und der Gegenwart (moderne universale Werte) bauen.
Auch wenn es nur in groben Zügen erklärt werden kann, so beziehen sich unsere Untersuchungen auf den Prozeß, Religion zu verstehen, zu erklären und religiös zu werden.
Der junge Mensch, der in den allgemeinen Zielsetzungen des türkisch-nationalen Erziehungssystems Erklärungen findet, ist darauf ausgerichtet, in unserem Streben, ihn als ein schöpferisches, kreatives und erlesenes Mitglied der modernen Zivilisation zu erziehen, die Beiträge der Religionserziehung zu definieren.
Mit welcher Methodik wird dieses Bestreben in die Klasse gebracht?
Dies ist eine Frage, die nicht eine einzelne Person beantworten kann. Unsere nationalen und internationalen Untersuchungen werden dazu beitragen, die beste Antwort auf die Frage zu finden. In einem Sprichwort heißt es, daß es für den Verstand nur einen Weg gäbe. Wenn wir unseren Verstand vereinigen, bin ich sicher, das wir das Richtige finden werden.
Ich hoffe, daß dieses Symposium ein Anfang für neue Erleuchtungen auf dem Weg der Liebe und der Achtung hinsichtlich der Kommunikation der Religion und des Einzelnen mit seinem Inneren und seiner Umgebung sein wird.
Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit!
 

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Betreuung: Dr. Hansjörg Biener