Friedenserziehung als Aufgabe der Religionen

Aufruf bei der VII. Weltversammlung von WCRP in Amman

November 1999

Es gibt nahezu keinen Krieg, Bürgerkrieg oder Konflikt ohne religiöse und/oder ideologische Implikationen. Diese Tatsache fordert die Religionen heraus, ihren Beitrag zu leisten, um Konflikt und Gewalt gegen Menschen und Natur zu bekämpfen.

Als verantwortliche Anhänger verschiedener Religionen und Konfessionen, versammelt bei der VII. Weltversammlung von WCRP in Amman, betonen wir, dass Erziehung einer der wichtigsten Faktoren ist, um Unwissen und Vorurteile abzubauen, die zu den gefährlichen Vorbedingungen für gewaltsame Konflikte gehören.

Die Religionsgemeinschaften müssen sich an den erzieherischen Anstrengungen beteiligen, wie sie bereits von Erziehern in vielen Weltregionen auf vielen Gebieten unternommen werden – in religiöser Unterweisung, Geschichte, Soziologie, Ethik und in der Berufsausbildung -, und zwar auf vielfältigen Wegen: von der Auswertung der Erfahrungen und Entdeckungen der Jugendlichen selbst bis hin zu einem bewussten und kritischen Umgang mit Massenmedien und moderner Informationstechnologie.

Der spezifische erzieherische Beitrag der Religionen ist zweifach – einerseits nach innen, andererseits nach außen gerichtet:

– Durch eine innere Erneuerung auf der Basis ihrer spirituellen Grundlagen und Motivationen können die Religionen Wege aufzeigen, die zu Frieden und Versöhnung führen, und sie können das Verantwortungsbewusstsein für soziale Gerechtigkeit und die Bewahrung der Lebensgrundlagen stärken; solche Erziehung zur Erneuerung kann ihre Dynamik aus den Begabungen und der Berufung jedes Einzelnen schöpfen und zu persönlicher Sinnerfüllung und Einsatzbereitschaft für die gemeinsame Verantwortung beitragen.

– Nach außen gerichtet haben die Religionen die Aufgabe, eine offene Atmosphäre für Begegnung und Kooperation zwischen religiösen wie auch nichtreligiösen Personen und Organisationen zu schaffen. Sie sollten Sorge dafür tragen, ein authentisches Verständnis des Glaubens der Anderen zu erreichen und zu verbreiten und gleichzeitig ihren eigenen Glauben den Angehörigen anderer Religionen und Weltanschauungen in respektvoller Weise darzustellen, wobei jede Form von Proselytismus zurückzuweisen ist.

Lebendiger interreligiöser Kontakt und Dialog sind von zunehmender Bedeutung nicht nur für die Friedenserziehung, sondern auch für die Religionen selbst.

Die folgenden drei Aufgabenfelder der Friedenserziehung beinhalten Herausforderungen, die der Initiative von Seiten der Religionen bedürfen:

 

1. Religiöse und interreligiöse Erziehung

– Ermutigung zu Kontakt und Kooperation zwischen Theologen und Religionslehrern aus den verschiedenen Religionen sowie von Fachleuten im Bereich vergleichender Religionswissenschaft

– Verbesserung der Ausbildung von Religionslehrern und Geistlichen hinsichtlich der Kenntniss anderer Religionen und Weltanschauungen und ihrer ethischen Prinzipien – wobei jeder Seite eingeräumt wird, sich selbst authetisch darzustellen

– Untersuchung und Revision von Richtlinien, Curricula und Schulbüchern im Blick auf ihre Darstellung anderer Religionen und Weltanschauungen

– Einbeziehung der Begegnung mit Anhängern verschiedener Religionen in die Erziehungsprogramme

– Berücksichtigung der besonderen Erfahrungen von Kindern, Jugendlichen, Frauen und Männern in Familienerziehung und schulischer Erziehung

– Entwicklung relevanten Materials für die Medien

– Förderung eines Lebensstils, der den Respekt für Verschiedenheiten einschließt ebenso wie Gedankenfreiheit und die Freiheit eigenverantwortlicher Wahl der Religion

2. Erziehung zu gewaltfreier Kommunikation und Konfliktlösung

– Vernetzung erzieherischer Projekte und Initiativen, die sich mit bereits erprobten und mit neu entwickelten Methoden befassen, durch die Konflikte verringert und die Zusammenarbeit gefördert werden kann

– Fruchtbarmachung spiritueller Motivationen und spiritueller Trainings für Konfliktsituationen

– Förderung einer neuen Kultur der Kommunikation einschließlich der Fähigkeit zuzuhören und der Entwicklung eines neuen Friedens-Vokabulars

– Projektarbeit zur Erforschung des Mißbrauchs von Religionen und der Strukturen von Fanatismus, Diskriminierung und Intoleranz

– Auswertung und Transfer der Methoden und Erfahrungen von Begegnung, Dialog und Kooperation

3. Umwelterziehung und Erziehung zu sozio-ökonomischer Entwicklung

– Verstärkung des kultur– und religionsübergreifenden Verantwortungsbewusstseins in ökologischer und sozio-ökonomischer Hinsicht

– Einsatz für eine stärkere Integration ökologischer und sozio-ökonomischer Elemente in der öffentlichen Erziehung (z.B. in den schulischen Lehrplänen), in der Berufsausbildung, der Fort– und Weiterbildung

– Erprobung von Sensibilität und Solidarität in praktischen Projekten, interreligiösen Gruppen, Peace Camps ... sowie die Einübung verantwortlicher Verhaltensweisen für eine nachhaltige Entwicklung

– Entwicklung fruchtbarer Zusammenarbeit zwischen WCRP und anderen nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) hinsichtlich der pädagogischen Bemühungen "grüner" Bewegungen und alternativer ökonomischer Projekte – z.B. solchen, die "grassroot"-Entwicklung, "sanfte" Technologie und Initiativen zur Selbsthilfe fördern

– Ermutigung zu einer Erziehung für ein globalen Ethos und eine lebendigen Demokratie auf allen Ebenen, einschließlich der Kritik von Konsumismus und aller Formen gewaltsamer Ausbeutung der Natur und der menschlichen Ressourcen.

Das Ziel der Ständigen Kommission für Friedenserziehung (Peace Education Standing Commission/PESC) von WCRP ist es, die gegenseitige Kenntnis, den Austausch und die systematische Analyse in den drei beschriebenen Aufgabenfeldern der Friedenserziehung anzuregen und kontinuierlich zu fördern.